Namen

Zehn Jahre sind es her, seitdem ich in einem Londoner Hotel das schwarze Zimmermädchen fragte, von wo sie denn komme. „Aus Sheffield“, gab sie zur Antwort. Ja, und ihre Eltern dann? „Aus Sheffield!“ Ich schaute sie etwas verdutzt an und dann erklärte sie mir, dass ihre Familie seit mehreren Generationen bereits in England lebe. Ich bin seither etwas vorsichtiger geworden. Taxichauffeure, die während der Fahrt in einer mir unverständlichen Sprache telefonieren, frage ich manchmal nach ihrer Herkunft. Und ich frage sie auch immer, ob sie Sehnsucht nach ihrem Heimatland kennen. Die älteren Fahrer sind seit 30 und mehr Jahren schon weg. Ihre Kinder, manchmal sogar ihre Enkelkinder leben in der Schweiz, manche kennen das Land aus dem ihre Eltern weg sind, nicht. Im Krankenhaus vor dem grossen Bilderrahen mit den Bildern aller Pflegefachkräfte der Abteilung entdecke ich zwei Namen, die schweizerisch klingen. Eine Frau Brunner könnte aber ebenso aus Deutschland stammen wie Frau Berger. Manche unter ihnen haben Familiennamen, die eindeutig albanisch oder türkisch sind, philippinisch oder spanisch. Und sie sprechen akzentfreies Berndeutsch oder Zürichdeutsch. Da frage ich gewiss nicht, von wie sie denn stammen. Es ist klar, sie sind hier geboren und aufgewachsen, sie haben hier ihre Ausbildung absolviert und fühlen sich hier zu Hause. Und doch weiss ich nicht, ob nicht manche unter ihnen manchmal gerne nach ihrer Herkunft gefragt werden möchten. Als nämlich eine Krankenschwester neben meinem Bett stand, um Fieber und Puls zu messen, da sah sie, wie ich ihren Namensschild anschaute. „Sie wollen sicher wissen, von wo mein Familienname stammt“, sagte sie. Ja, das wollte ich, aber ich hätte mich nicht getraut, ihr die Frage zu stellen.

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