Baise-en-ville

Wenn ich meinen Nachbarn an der Bushaltestelle mit seiner hellbraunen weichen Reisetasche stehen sehe, weiss ich, dass er wieder für einen Tag und eine Nacht verreisen wird. Es ist immer dieselbe helle Ledertasche, die etwas ältlich wirkt. Kürzlich war er unterwegs nach Mailand. Geschäftlich, wie er betonte. Ein anderes Mal unterwegs vom Bahnhof nach Hause in der Strassenbahn sagte er, er sei gerade bei Kunden in Köln gewesen. Etwas verlegen, sagte ich, eine schöne Reisetasche haben Sie. Ein klassisches Modell, gab er zur Antwort. Und dann sagte er noch etwas, das ich nicht auf Anhieb verstand. Er sah meinen fragenden Blick und wiederholte langsam: „Baise-en-ville“. So nenne man in Frankreich jene Gepäckstücke, die man auf kurze Reisen mitnehme. Den Ausdruck hatte ich noch nie zuvor gehört, weshalb ich zuhause den grossen Larousse aus dem Büchergestell holte, um erstaunt festzustellen, dass „Baise-en-ville“ eigentlich ein Ausdruck ist, der alles andere als zu Geschäftsreisen gehört: „Baise en ville: expression désignant un sac de voyage de taille réduite destiné à ranger l’indispensable et le superflu en prévision d’un court séjour chez une tierce personne, de préférence son amant du moment.“ Als ich meinem Nachbarn gestern im Treppenhaus mit seiner eleganten Tasche begegnete, sagte ich: „Ah, Sie sind wieder mit ihrem „Baise-en-ville“ unterwegs. Ich konnte gerade noch die Frage unterdrücken, ob seine Frau wohl auch die Bedeutung des französischen Ausdrucks seines Gepäckstücks kenne.

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