Rückkehr

Als sie zehn war, musste sie das Land verlassen. Mit ihren Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern. Und sie war seither nie mehr dort. Sie mussten damals fast alles zurück lassen. Vater und Mutter konnten in jeder Hand einen Koffer mitnehmen, die drei Kinder hatten je einen Rucksack an. Die Familienfotos sind mitgekommen. Aus den Bilderalben zwar herausgerissen, weil die Alben zu sperrig waren. Kleider konnten sie mitnehmen. Und einige Spielsachen. Wer wohl nachher in die Wohnung eingezogen ist? Sie wussten es nicht. Wer wohl Vaters Werkstatt unten im Haus übernommen hat? Ihre Eltern sind nie mehr zurückgefahren. Auch nicht zu einem Besuch. Auch dann nicht, als es wieder möglich gewesen wäre. Mit den Jahren sind die Erinnerungen verblasst. Und lange dachte sie nicht daran, das Land und die Stadt ihrer Kindheit zu besuchen. Vor kurzem hat sie sich dazu durchringen können, eine Rundreise im Land ihrer Kindheit zu unternehmen. Nicht mit einer Gruppe, sie wollte die Stadt, in der sie ihre Kindheit verbracht hatte, alleine wiederentdecken. Sie hatte Fotos von früher dabei: Das Haus, die Schule, Bilder von der Wohnung. Ihren betagten Eltern erzählte sie von Ferien in den Bergen und dass sie sich eine Woche lang wahrscheinlich nicht melden werde. Und dann flog sie dorthin, um die Orte der Kindheit wieder aufzusuchen. Sie wollte die Schule sehen, in der sie die ersten Schuljahre verbracht hatte. Die Läden, an die sie sich noch schwach erinnern konnte: Die Bäckerei und den Lebensmittelladen. Und natürlich das Haus, in dem sie aufgewachsen ist. Es war das Haus der Grosseltern gewesen, das Haus, das der Familie gehört hatte. Sie wollte nochmals durch die einzelnen Räume gehen. So würden die Erinnerungen unweigerlich wieder kommen. Ob die Mieter von damals im obersten Stockwerk geblieben sind? Ob sie noch lebten? Ob in der Wohnung von einst noch Spuren von früher anzutreffen sein würden? Sie kam in der Stadt ihrer Kindheit an. Und noch bevor sie die Rundreise antrat, begab sie sich an die Strasse von damals. Die Stadt hatte sich verändert. Sie fand ihre Kindheitsstrasse nicht auf Anhieb, musste sich durchfragen. Und als sie dort ankam, sah alles anders aus und dennoch vertraut. Wie viel kleiner diese Strasse war als in ihrer Erinnerung! Wie viel niedriger die Häuser. Dort, wo einst die Bäckerei gewesen war, stand ein Neubau. Und auch der Lebensmittelladen war nicht mehr da. Sie ging der Strasse entlang zu ihrem Haus, sie würde läuten und die Treppe hinaufsteigen, die Bewohner darum bitten, die Wohnung noch ein einziges Mal anschauen zu können. Sie hörte ein schweres Motorengeräusch und erst da sah sie das Haus ihrer Kindheit, dessen Fenster alle weit offen standen. Man hatte die Fenster herausgerissen. Ein schwerer Bagger arbeitete sich durch den Garten, die vorgelagerte Werkstatt war bereits zerstört, die Balkongitter im ersten Stock waren weggerissen, die drei Wohnungen waren ausgeräumt. Sie war zu spät gekommen. Nur wenige Tage oder Stunden zu spät. Weshalb bloss war sie nicht früher auf die Idee gekommen, die Stadt und das Haus aufzusuchen? Weshalb hatte sie bloss so lange gezögert? Sie stand vor dem Haus, sah wie der Bagger unter grossem Motorengetöse Mauerteile griff, um die Zufahrt zum Haus für Lastwagen freizulegen, die den Bauschutt holen würden. Sie hatte das Haus ihrer Kindheit um wenige Tage oder Stunden verpasst.

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2 Antworten auf Rückkehr

  1. Anton.Kohlmeier sagt:

    Beim Lesen dieses Beitrags überlegt man sich unweigerlich, wo diese Handlung wohl stattgefunden haben könnte. Irgendwo im Osten Europas? Eine Rückkehr ohne Hoffnung nach Rumänien oder nach Bulgarien? Es bleibt offen und weist darauf hin, dass es heute immer Menschen passieren könnte, dass sie nach Jahren dorthin zurückkommen, wo es kein Zurückkommen mehr gibt. A. Kohlmeier

  2. A. Kohlmeier sagt:

    Beim Lesen dieses Beitrags überlegt man sich unweigerlich, wo diese Handlung wohl stattgefunden haben könnte. Irgendwo im Osten Europas? Eine Rückkehr ohne Hoffnung nach Rumänien oder nach Bulgarien? Es bleibt offen und weist darauf hin, dass es heute immer Menschen passieren könnte, dass sie nach Jahren dorthin zurückkommen, wo es kein Zurückkommen mehr gibt. A. Kohlmeier

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