In der Limousine

Grossvater hatte ein ganz besonderes Auto, einen hellbraunen amerikanischen Ford mit mächtigem Kühlergrill in glänzendem Chrom. Wie stolz ich als Kind doch auf Grossvaters Auto war. Keiner in meiner Klasse, der in einem solchen Auto vorne neben dem Fahrer sitzen durfte! Pick-ups heissen diese Lieferfahrzeuge mit offener Ladebrücke und einer grossen Fahrerkabine. Ich sitze neben Grossvater, er ist unterwegs mit Sukkulenten vom Treibhaus zu einem grossen Hotel, wo er den Hofgarten gestaltet. Wir fahren am Meer entlang, rechts die Sanddünen und vor uns das schwarze Band der Küstenstrasse.

Grossvater hat vor Jahren seine Zahnarztpraxis aufgegeben, er wollte nicht mehr in fremden Mündern wühlen. Ein Jahr lang hat er in einer Grossgärtnerei ausgeholfen, Botanik hatte ihn immer schon interessiert. Grossvater ist Besitzer einer Spezialgärtnerei, Grossvater als Herr über mehrere eigene Treibhäuser, Grossvater als Spezialist für Sukkulenten hat mit über 60 sein Leben neu gestaltet.

Wir fahren nach Norden, auf der offenen Ladefläche die Kakteen, die er alle mit Namen und Herkunftsland benennen kann. Es ist ein heisser Sommertag, die Dünen und das grelle Sonnenlicht blenden mich, ich bin schläfrig, es ist die Zeit der langen Schulferien, in der ich Grossvater in seiner Gärtnerei aushelfe. Ich drücke auf den geheimen Knopf am Armaturenbrett, Grossvater kennt die Funktion dieses Knopfes nicht, langsam steigen jetzt die Standarten der USA auf beiden Kotflügeln in die Höhe. Grossvaters Lieferwagen verwandelt sich in eine schwarze Staatslimousine, rechts und links wehen der Sternenbanner im Fahrtwind. Hinter uns rollen zwei schwarze Motorräder mit uniformierten Leibbwächtern. Wir fahren langsam durch das Ortszentrum, so langsam wie Diplomatenlimousinen eben immer fahren. Grossvater zieht an seiner Zigarre, beim Fahren spricht er nie. Bei der Einfahrt zum Grand Hotel Plaza drücke ich wieder auf den Knopf, um die Standarten einzuholen. „Du musst nicht dauernd mit dem Feueranzünder spielen“, sagt Grossvater. Hinter uns fährt jetzt niemand mehr, die Motorradfahrer sind verschwunden. „Zuerst kommen die kleinen Töpfe dran“, sagt Grossvater, der den Pick-up beim Lieferanteneingang angehalten hat.

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