Klarinettenstunden

„Ihr Sohn hat ein unglaublich gutes Musikgehör!“ Das war Konzertmeister Bergmann, unser Nachbar, der das meinen Eltern sagte. Bergmann musste es wissen. „Unser Sohn hat ein absolutes Musikgehör“. Das waren meine Eltern, die das Freunden erzählten. Nach dem obligatorischen Blockflötenunterricht in der Grundschule war klar: Ich musste weitermachen. Nach der Blockflöte die Klarinette! Das war Vater, der das so entschieden hatte. Ich hätte Schlagzeug vorgezogen. „Schlagzeuger klimpern nur, das ist nichts für dich!“ Ich mochte schon die Blockflötenstunden nicht, aber die waren erträglich, denn wir waren zu zwölft im Unterricht. Und ich ging deshalb hin, weil Edna von der Parallelklasse auch zum Unterricht geschickt wurde. Ich weiss nicht mehr, wie mein Klarinettenlehrer hiess. Uralt fand ich ihn, ich weiss noch, dass er ein italienischer Einwanderer war. Jede Woche sollte ich zweimal zu ihm gehen. Und zwischen den Stunden sollte ich üben. „Du musst üben und wieder üben“, sagte der Mann, der mir immer so nahe kam. Ich mochte seinen Mundgeruch nicht, ich hatte Angst vor seinen gelben Zähnen. Manchmal fasste er mich an, legte seine dicken Finger auf meine Finger, um mir zu zeigen, wie man das Instrument , das meine Eltern gekauft hatten, spielen sollte. Weshalb musste der Mann bloss schweissige Hände haben? Ich wischte mir stets meine feucht gewordenen Hände an den Hosenbeinen ab. Die Stunden hielt der Italiener in seinem Wohn-Esszimmer ab. Stets roch es nach Essen in diesem Raum, nach Essen und abgestandenem Zigarettenrauch. Tagelang blieben die Teller mit den Essensresten auf dem Tisch, an dem der Unterricht stattfand. „Das ist so“, sagte Vater, „daran musst du dich gewöhnen, er ist halt ein Künstler“. Mein Lehrer war stets unrasiert, seine Hausschuhe wiesen Löcher auf. Am schlimmsten war aber dieser scharfe Mundgeruch immer dann, wenn er mir nahe kam und mir ganz genau zeigen wollte, wie ich zu spielen hätte. „Du musst üben, wir haben dir nicht für nichts eine so schöne Klarinette gekauft“. Das war Vater. „Nicht immer passt einem alles“, sagte Mutter. Ich ging hin, hatte Angst und hasste den Mundgeruch, den Zigarettenduft, das Instrument und den Mann. „Du machst keine Fortschritte“, sagte der Lehrer. „So geht es nicht weiter! Du bist faul. Du bist unbegabt. Du bist unmusikalisch, du kannst die Noten nicht richtig lesen“. Als Vater mich eines Abends beim Italiener abholte, sagte mein Lehrer: „Ihr Sohn ist ein negativer Typ!“ Das war das Ende meiner Karriere als Musiker. Nach etwa zwölf Stunden ein abruptes Ende. „Sie sind selber ein negativer Typ“, sagte Vater laut. „Und Sie stinken aus Ihrem Mund“, sagte ich, als ich schon mit einem Bein im Treppenhaus stand.

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